
06.
12. 2006
- heute 3SAT, 20.15 Uhr "Vom Tierquäler
zum Gewaltverbrecher"
"Etwa ein Viertel aller Gewaltverbrecher sind in ihrer
Kindheit oder Jugend durch schwere Tierquälereien aufgefallen. Experten
sagen, dass die Zahl bei den reinen Sexualstraftätern sogar noch höher
ist. Besteht also zwischen Tierquälerei und anschließender Delinquenz
ein Zusammenhang?"
Ronny Rieken und Rolf Diesterweg - fast jeder kennt ihre Namen. Sie sind
Sexualstraftäter, haben in den neunziger Jahren Mädchen vergewaltigt und
anschließend getötet. Beide sitzen in Haft. Und beide haben etwas
gemeinsam: In ihrer Jugend haben sie Tiere gequält.
Dr. Alexandra Stupperich, Leiterin des Instituts für Mann, Frau und
Familie: "Wer in seiner Jugend Tiere quält, hat ein stark erhöhtes
Risiko, später diese Art von Gewalt auch an Menschen auszuüben." Werden
also alle Tierquäler später zu Gewaltverbrechern? Klare Antwort: Nein!
Nicht jedes Kind, das dem Familienhund am Schwanz zieht oder die Katze
ärgert, wird später kriminell. Dieses kindliche Ausprobieren ist sogar
ein Stück weit normal, denn im frühen Alter wissen die Kinder oft noch
nicht, dass Tiere Schmerzen empfinden können. Die Kinder müssen erst
lernen, Empathie für andere Lebewesen aufzubringen. Wichtig ist daher,
dass Eltern ihre Kinder immer wieder darauf hinweisen, dass die Tiere
genauso Schmerz empfinden wie sie selbst auch.
Manche Kinder üben auch Gewalt an Tieren aus, weil sie selbst von den
eigenen Eltern geschlagen werden. Sie leiten diese Gewalt von sich auf
andere, schwächere Lebewesen weiter.
Gefährlich wird es aber immer dann, wenn beim Kind eine schwere
psychische Störung vorliegt und es dann beginnt, Tiere zu quälen. Diese
Kinder wollen in der Regel Macht und Kontrolle auf das Tier ausüben,
empfinden kein Mitgefühl. Später kann dazu kommen, dass sie diese
Quälereien auch mit ihrer eigenen Sexualität in Verbindung bringen.
Diese Menschen sind besonders gefährdet, später auch Sexualdelikte an
Kindern und Frauen zu begehen. Dabei steht nicht unbedingt nur die
sexuelle Befriedigung im Vordergrund, sondern die Ausübung von Macht!
Diese Kinder und Jugendlichen müssten eigentlich dringend therapiert
werden. Fällt diese Neigung erst im Erwachsenenalter auf, dann ist es in
vielen Fällen schon zu spät.
Wie geht das Ausland mit Tierquälerei um?
In den USA führt man diese Studien schon seit längerer Zeit durch. In
einigen Bundesstaaten wird daher mit Tierquälern auch besonders
konsequent umgegangen. Fallen Kinder dort durch schwere Tierquälereien
auf, dann werden sie sofort therapiert.
Dr. Alexandra Stupperich, Leiterin des Instituts für Mann, Frau und
Familie:: "In den USA sind die Behörden schon sehr gut vernetzt und
sie arbeiten eng zusammen, Hand in Hand. Dort ist alles auch schon genau
gesetzlich festgeschrieben. Das würde ich mir für Deutschland auch
dringend wünschen!"
Die Realität in Deutschland (und auch in Österreich):
In Deutschland steckt diese Entwicklung noch in den Kinderschuhen.
Gesetzlich geregelt ist in dieser Beziehung nur sehr wenig. Wer Tiere
quält und dabei erwischt wird, bekommt evt. eine Strafe nach dem
Tierschutzgesetz. Das sieht eine Geldstrafe oder Gefängnis bis zur
Höchststrafe von drei Jahren vor. In der Regel bleibt es bei der
Geldstrafe - wenn überhaupt. Psychiatrisches Gutachten der Tierquäler?
In der Regel wird das nicht gemacht. Doch gerade bei Jugendlichen könnte
hier noch viel abgewendet werden.
Auch die Ermittlungsbehörden sind mit Anzeigen wegen Tierquälerei nicht
selten überfordert. "Bei uns beschweren sich immer wieder Menschen, die
mir erzählen, dass sie eine Tierquälerei bei der Polizei anzeigen
wollten, und die Polizei nur abwinkt, nichts unternehmen will oder die
Anzeigenden so lange nach Beweisen fragen, bis diese resigniert die
Anzeige zurücknehmen", beklagt Gerhard Käfer vom Tierschutzbund
Baden-Württemberg. "Ich finde das sehr bedenklich, gerade wenn man weiß,
was aus Tierquälern unter Umständen später einmal werden kann". Er
fordert, dass die Polizei Tierquälerei konsequenter verfolgt, denn viele
Täter wüssten genau, dass ihnen eigentlich nichts passiert und würden
damit zu Wiederholungstätern.
Besonders genau hinschauen muss man, wenn große Tiere gequält werden.
Die Tierquäler machen eine Steigerung durch. Sie beginnen mit kleinen
Tieren wie Fröschen oder Hasen. Am Ende der Leiter steht meist das
Pferd. Findet man ein schwer verstümmeltes Pferd, dann ist das nicht
selten ein Hinweis darauf, dass der Täter schon eine lange Karriere als
Tierquäler hinter sich hat.
Vernetzung ist wichtig!
Wird das Problem in Deutschland nicht ernst genug genommen? Ein Fall aus
Passau zeigt, wie nötig es ist, dass die Justiz und die Behörden genau
hinschauen. Dort wurde ein 29-jähriger Paketbote festgenommen, der
beschuldigt wurde, eine Katze schwer gequält und anschließend angezündet
zu haben. Während des Ermittlungsverfahrens gab er zu, bereits zehn
weitere Katzen auf ähnliche Art traktiert zu haben. Der Staatsanwalt
Hanns Gerd Ennser hätte es sich einfach machen und die Anklage wegen
Tierquälerei schreiben können. Das Geständnis hatte er ja. Doch er ließ
ein psychiatrisches Gutachten anfertigen. Heraus kam: Der Mann hatte
eine schwere psychische Störung, von ihm ging erhebliche Gefahr aus, er
würde in Zukunft mit Sicherheit auch Frauen und Kinder gefährden.
Ergebnis: Der Täter bekam die Höchststrafe und macht jetzt eine
Therapie. Staatsanwalt Ennser: "Ich lasse noch ein weiteres Gutachten
machen, weil ich möchte, dass der Mann auch nach Ablauf der drei Jahren
Haft nicht frei kommt, sondern in psychiatrischer Behandlung bleibt. Er
soll erst dann wieder auf freien Fuß kommen, wenn er ganz sicher geheilt
ist und keine Gefahr mehr für die Öffentlichkeit darstellt."
Und: Durch das Gutachten sind jetzt auch tschechische Profiler auf den
Katzenquäler aus Passau aufmerksam geworden. Weil der Paketbote viel mit
dem Auto unterwegs war, nahmen sie seine Fahrten noch einmal genau
untern die Lupe. Und es stellte sich heraus: Sowohl seine psychische
Struktur, als auch die Fahrten, die er mit dem Auto unternommen hat,
lassen ihn als Mörder von drei tschechischen Prostituierten in Frage
kommen. Zur Zeit werden die am Tatort gefundenen DNA-Spuren mit seiner
DNA verglichen.
Der Fall zeigt, wie wichtig VERNETZUNG ZWISCHEN BEHÖRDEN ist. Wie
wichtig es ist, Tierquälerei nicht auf die leichte Schulter zu nehmen.
Wie wichtig es ist, hinzuschauen. Denn schnell kann aus einem einfachen
Fall von Tierquälerei ein Mordfall werden."
Quelle:
http://www.3sat.de/3sat.php?http://www.3sat.de/specials/101451/index.html
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