Das
einzige Verbrechen von „Bruno“ war, dass er sich verhalten hat, wie
ein Bär. Wie alle Bären dieser Welt.
„Menschenskind
Bruno, sei schön artig, sonst kriegst einen Klaps", heißt es beim
gutbürgerlichen Familienfrühstück, wenn der kleine Fratz an
Tischmanieren zu wünschen übrig lässt. „Mistviech Bruno sei schön
artig, sonst loss' ma di daschießn“, drohten der Tiroler Landesrat
und der bayrische Minister, als der einsame Braunbär auf seinem
Erkundungsweg aus Italien über Österreich bis Deutschland sich
vorwagte. „Zu Gast bei Freunden“ stand da in großen Lettern zu
lesen, aber damit war freilich die Fußballweltmeisterschaft gemeint,
und nicht ein so entartetes Wildtier, wie „Bruno“, der Bär. Hat er nun
dieses Etikett verdient?
Braunbären
sind vielseitig begabte, lern- und anpassungsfähige „Generalisten“
unter den so genannten „Raubtieren“. Bienenstöcke sind für sie genauso
ein „gefundenes Fressen“ wie Schafe etwa, weil diese nicht flüchten,
wie Hirsche oder Rehe, und somit bequem zu erbeuten sind. Eine
unnatürliche Situation, dem Hecht im Karpfenteich oder dem Fuchs im
Hühnerstall vergleichbar. Die dem Bären angeborene Handlungskette des
Beutefangverhaltens läuft dessen ungeachtet programmgemäß ab, also
tötet er gelegentlich noch ein paar Schafe mehr, bevor er zu Fressen
beginnt. Noch müheloser ist es, nach Speiseresten zu suchen, die wir
Menschen übrig gelassen haben. Entdeckt nun ein Bär unsere Mülleimer,
wird er diese in der Folge regelmäßig beschnüffeln. Das alles ist
keine „Entartung“, sondern ganz im Gegenteil, ein Zeichen der
arteigenen Intelligenz. Das einzige Verbrechen von „Bruno“ war, dass
er sich verhalten hat, wie ein Bär. Wie alle Bären dieser Welt. Wir
können Wildtieren keine Hausaufgaben stellen, und sollten sie weder
vermenschlichen noch kriminalisieren.
Töten aus
purer Lust und nicht von Hunger getrieben? Das tun nicht Bären mit
Menschen, sondern „Waidmänner“ mit Bären, die eigens nach Kanada oder
Russland fliegen, um dort für eine satte Summe, einen „kapitalen“
Meister Petz lustvoll niederzuknallen, öfters jedoch nur grauenhafte
Schusswunden zuzufügen. Die Jagdzeitungen überbieten sich mit
einschlägigen Inseraten und „Erlebnisberichten“. Dem Jäger, der mit
dem Schuss auf den Bären „Bruno“ sein perverses „Waidmannsheil“ hatte,
blieb eine teure Auslandssafari erspart, allerdings auch die
„Trophäe“, denn er wird mit dem Bärenfell wohl kaum protzen können.
Die Wut der tier- und naturliebenden Bevölkerung richtet sich nach
diesem jagdpolitisch kontraproduktiven Bärenabknallen pauschal gegen
das „edle Waidwerk“; der Todesschütze von „Bruno“ hat somit seiner
Lobby letztendlich einen Bärendienst erwiesen.
Meister
Petz wurde bei uns vor mehr als hundert Jahren ausgerottet. Seine
Heimkehr zu ermöglichen, dazu verpflichtet uns das
Biodiversitätsabkommen der Vereinten Nationen. Die Schande, dass der
Braunbär hierzulande Gefahr läuft, ein zweites Mal ausgerottet zu
werden, haben Provinzpolitiker vor Ort zu verantworten. Sie sollten
Nachhilfestunden in Biologie, oder ihren Hut nehmen, weil sie es
offenbar immer noch nicht begriffen haben: Es gibt keine Problembären
– höchstens Problemmenschen!
Q: Antal Festetics; „Die Presse“,
21.07.06;
http://www.diepresse.com/Artikel.aspx?channel=m&ressort=g&id=573334&archiv=false