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21. 07. 2006 - Kommentar Antal Festetics: "Problembären, Problemmenschen"
 

Problembären, Problemmenschen

Das einzige Verbrechen von „Bruno“ war, dass er sich verhalten hat, wie ein Bär. Wie alle Bären dieser Welt.

Menschenskind Bruno, sei schön artig, sonst kriegst einen Klaps", heißt es beim gutbürgerlichen Familienfrühstück, wenn der kleine Fratz an Tischmanieren zu wünschen übrig lässt. „Mistviech Bruno sei schön artig, sonst loss' ma di daschießn“, drohten der Tiroler Landesrat und der bayrische Minister, als der einsame Braunbär auf seinem Erkundungsweg aus Italien über Österreich bis Deutschland sich vorwagte. „Zu Gast bei Freunden“ stand da in großen Lettern zu lesen, aber damit war freilich die Fußballweltmeisterschaft gemeint, und nicht ein so entartetes Wildtier, wie „Bruno“, der Bär. Hat er nun dieses Etikett verdient?

Braunbären sind vielseitig begabte, lern- und anpassungsfähige „Generalisten“ unter den so genannten „Raubtieren“. Bienenstöcke sind für sie genauso ein „gefundenes Fressen“ wie Schafe etwa, weil diese nicht flüchten, wie Hirsche oder Rehe, und somit bequem zu erbeuten sind. Eine unnatürliche Situation, dem Hecht im Karpfenteich oder dem Fuchs im Hühnerstall vergleichbar. Die dem Bären angeborene Handlungskette des Beutefangverhaltens läuft dessen ungeachtet programmgemäß ab, also tötet er gelegentlich noch ein paar Schafe mehr, bevor er zu Fressen beginnt. Noch müheloser ist es, nach Speiseresten zu suchen, die wir Menschen übrig gelassen haben. Entdeckt nun ein Bär unsere Mülleimer, wird er diese in der Folge regelmäßig beschnüffeln. Das alles ist keine „Entartung“, sondern ganz im Gegenteil, ein Zeichen der arteigenen Intelligenz. Das einzige Verbrechen von „Bruno“ war, dass er sich verhalten hat, wie ein Bär. Wie alle Bären dieser Welt. Wir können Wildtieren keine Hausaufgaben stellen, und sollten sie weder vermenschlichen noch kriminalisieren.

Töten aus purer Lust und nicht von Hunger getrieben? Das tun nicht Bären mit Menschen, sondern „Waidmänner“ mit Bären, die eigens nach Kanada oder Russland fliegen, um dort für eine satte Summe, einen „kapitalen“ Meister Petz lustvoll niederzuknallen, öfters jedoch nur grauenhafte Schusswunden zuzufügen. Die Jagdzeitungen überbieten sich mit einschlägigen Inseraten und „Erlebnisberichten“. Dem Jäger, der mit dem Schuss auf den Bären „Bruno“ sein perverses „Waidmannsheil“ hatte, blieb eine teure Auslandssafari erspart, allerdings auch die „Trophäe“, denn er wird mit dem Bärenfell wohl kaum protzen können. Die Wut der tier- und naturliebenden Bevölkerung richtet sich nach diesem jagdpolitisch kontraproduktiven Bärenabknallen pauschal gegen das „edle Waidwerk“; der Todesschütze von „Bruno“ hat somit seiner Lobby letztendlich einen Bärendienst erwiesen.

Meister Petz wurde bei uns vor mehr als hundert Jahren ausgerottet. Seine Heimkehr zu ermöglichen, dazu verpflichtet uns das Biodiversitätsabkommen der Vereinten Nationen. Die Schande, dass der Braunbär hierzulande Gefahr läuft, ein zweites Mal ausgerottet zu werden, haben Provinzpolitiker vor Ort zu verantworten. Sie sollten Nachhilfestunden in Biologie, oder ihren Hut nehmen, weil sie es offenbar immer noch nicht begriffen haben: Es gibt keine Problembären – höchstens Problemmenschen!

Q: Antal Festetics; „Die Presse“, 21.07.06;

http://www.diepresse.com/Artikel.aspx?channel=m&ressort=g&id=573334&archiv=false

 

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