
11. 08. 2004 -
Betreff: Presse-Artikel von Barbara
Coudenhove-Kalergi
Ein Aha-Erlebnis der anderen, unerfreulichen Art hatten
LeserInnen, die am 17.Juli aufmerksam die Wochenendausgabe der
"Presse" lasen. Dort fand sich, zur großen Verblüffung vieler,
ein umfangreiches Plädoyer für die Erhaltung des Stierkampfs -
verfasst ausgerechnet von jener bekannten Wiener Publizistin, die bisher
eigentlich eher in dem Ruf stand, so etwas wie die "Grand
Dame" des bürgerlich-progressiven Journalismus in Österreich zu
sein.
Beunruhigt durch die Vorgangsweise der Stadtverwaltung
Barcelonas, die ein Verbot des Stierkampfes für die katalanische
Hauptstadt beschlossen hat, machte sich die Journalistin so ihre
Gedanken über die Zukunft des Stierkampfs in Europa. Als bekennende Anhängerin
der "corrida", also der blutigen Tradition des Stierkampfs, fürchtet
sie dessen Ende nahen. In ihren Augen wäre die Abschaffung dieses
blutigen Spektakels "eine Katastrophe, vergleichbar dem Verbot von
Theater, Oper, Ballett. Mich berührt der Stierkampf sogar noch mehr als
andere Formen der darstellenden Kunst. Torero und Stier auf dem
sonnendurchtränkten Sand der Arena, völlig aufeinander konzentriert,
verbunden in einer Art hochraffiniertem Tanz, in dem es um Tod und Leben
geht, ... - das hat eine Schönheit, die mit nichts anderem zu
vergleichen ist."
Einwände des Tierschutzes und kritischer Ethik wischt
sie mit demagogischen Scheinargumenten beiseite: "Ja, aber die
Grausamkeit? Die Tierquälerei? Kann ein zivilisierter Mensch wirklich für
ein Spektakel sein, bei dem tausende Zuschauer sich daran weiden, wie
ein Tier leidet und stirbt? Der Stierkampf ist grausam, das stimmt. Aber
ein Kampf dauert höchstens 20 Minuten. Ist es schlimmer, nach einem
freien Leben auf den grünen Wiesen Andalusiens in der Arena zu sterben,
als nach einem Leben in den Massenställen der modernen Agrarproduktion
und einem qualvollen Viehtransport im dicht gefüllten Waggon fabrikmäßig
im Schlachthof umgebracht zu werden?"
Ganz so, als ob das eine eklatante Übel, nämlich die
industrielle Misshandlung, Ausbeutung und Vernichtung von leidensfähigen
Tieren, einen anderen Missbrauch, in diesem Fall der Stierkampf,
rechtfertigen könnte.
Die perfide, gewalt-voyeuristische Banalität des
Stierkampfpublikums wird von Kalergi, die sich sonst gern als aufgeklärt-liberale
Humanistin gibt, wortreich und unbekümmert geschildert: "Mein
Nachbar auf der Zuschauertribüne ist sichtlich ein Stammgast, ein
dicker schwerer Mann aus der Vorstadt, der für seine Freunde, die an
seinen Lippen hängen, lautstark jede Phase des Kampfes kommentiert. Er
beobachtet den Stier mit Kennermiene."
Ganz ohne jedes Mitgefühl, dafür mit umso mehr Liebe für
das brutale Detail, schildert Kalergi begeistert das ganz alltägliche
Grauen des Stierkampfs:
"Es wird still im Rund. Die Mitwirkenden ziehen
ein, voran die Toreros, dann ihr Gefolge, am Schluss die Pferde, die später
die toten Stiere aus der Arena ziehen werden ... Drei Toreros, sechs
Stiere gehören zu jeder corrida.
... Dann reiten die "picadores" ein,
Lanzenreiter auf gepanzerten Pferden, denen die Augen verbunden sind ...
nun greift der Stier das Pferd an, bohrt seine Hörner in dessen
Flanken, während der picador dem Stier mit seiner Lanze jeweils drei
Wunden zufügt."
Als nächste haben die "banderilleros" ihren
Auftritt: "Leichtfüßig springen sie herein, wie schlimme Buben,
die Schabernack treiben. Dabei ist ihre Aufgabe hochgefährlich: Sie
setzen dem heranstürmenden Stier je zwei leichte, bändergeschmückte
spitze Stangen in den Nacken und hüpfen im letzen Moment zur
Seite." Das als bloß euphemistisch zu bezeichnen wäre noch krass
untertrieben angesichts dieser zutiefst zynischen Beschreibung:
"...setzen dem Stier zwei leichte, bändergeschmückte Stangen in
den Nacken..." - in Wahrheit rammen sie dem mittlerweile schon
schwer verletzten Tier, das durch die Lanzenstiche der picadores bereits
große, klaffende Wunden im Nacken hat, brutal zwei weitere Spieße in
den Körper.
Als der Torero ins Spiel kommt, verliert Kalergis Sicht
der Dinge vollends jeglichen Bezug zu Rationalität und Realität:
"Und jetzt kommt endlich der eigentliche Kampf. Trompetensignal.
Der Torero tritt auf, jetzt allein, in der Hand die muleta, das rote
Tuch, mit dem er seinen Gegner anlockt, ihn dagegen anrennen lässt,
ausweicht, dasselbe noch einmal, diesmal von der anderen Seite, ein
kunstvolles Ballett (!), bei dem es darauf ankommt, so nah am Stier wie
möglich zu arbeiten (!)."
Einen gelinde ausgedrückt etwas bizarren Erotikbegriff
vertritt Frau Kalergi, wenn sie von "einer atemberaubenden,
wenngleich ambivalenten Erotik" schwärmt, die der Kampf zwischen
Torero und Stier in ihren Augen habe. "(Der Torero) lockt und verführt.
Sein Kostüm - die bestickte Jacke, die eng anliegenden Kniehosen, die
rosa Strümpfe - ist auf eine androgyne Weise aufreizend elegant. Erst
am Ende, beim Todesstoß, werden die Rollen wieder vertauscht."
Doch das perverse, sadistische Prickeln der
Tierqualverherrlicherin ist noch lange nicht an seinem Gipfel angelangt:
"Der letzte Akt ist der Höhepunkt der corrida. Stier und Torero
stehen einander in der Arena gegenüber. Der Torero hat sich von einem
Assistenten seinen Degen reichen lassen. Es ist totenstill. Man weiß,
dass es jetzt zu Ende geht. Und man hat das Gefühl: Auch der Stier weiß
es. Schwer atmend steht er da. Der Torero spricht mit ihm, leise, fast
intim. Die beiden Kontrahenten scheinen in einem sehr privaten Zwiegespräch
begriffen. Es ist ein Moment, der nur ihnen gehört. Lange Sekunden
vergehen. Und dann attackiert der Stier. Der Torero steht frontal vor
ihm, auf den Zehenspitzen, hebt langsam den Degen, stößt von oben zu.
Es ist eine kleine Stelle im Nacken des gewaltigen Tieres, die er exakt
treffen muss. Für einen Augenblick sind Stier und Torero eins, eine
unvergessliche Skulptur. Der Stier bleibt im vollen Lauf stehen,
schwingt, wie ungläubig, den Kopf hin und her. Und bricht zusammen. In
diesem Augenblick erklingt die Trompete. Alle stehen auf.
Vierzehntausend Zuschauer ehren den gefallenen Stier. ... Mein Nachbar
samt Anhang ist aufgesprungen vor Begeisterung und ruft immer wieder:
"Toro!" Es gibt Standing Ovations, während die Pferde mit dem
toten Stier im Schlepptau eine Ehrenrunde rund um die Arena drehen wie
Achilles mit dem toten Hektor."
Hätte Coudenhove-Kalergi dem Achilles auch Beifall
geklatscht, als er den niedergemetzelten Hektor an seinen Streitwagen
gebunden um das antike Troja herumschleifte? Und was hätte sie von
Gladiatorenkämpfen, diesen nahen Verwandten des Stierkampfes, gehalten?
Hätte sie deren Verbot auch als Beschneidung des "Kulturerbes der
Menschheit" beklagt und bekämpft?
Und dann - gegen Ende - obskurste Phantasierereien: Die
massakrierten Stiere seien "die eigentlichen Helden. Sind sie die
Nachfahren des Minotaurus? Des Göttervaters Zeus in Stiergestalt?
Anderer, noch älterer Gottheiten?..."
Nein, Frau Kalergi, der Stierkampf gehört wahrhaftig
nicht zum Weltkulturerbe, er ist auch nicht, wie Sie das allen Ernstes
behaupten, ein Ausdruck von "Achtung, Respekt, ja Ehrfurcht"
gegenüber Tieren, und so wird sich jene bedauernswerte Minderheit von
Tierqual-aficionados, für die Sie sich mit ihrem unsäglichen Artikel
blendend qualifiziert haben, damit abfinden müssen, dass die
fortschrittliche, humane und ethisch nicht mit Blindheit geschlagene
Mehrheit der Europäer dieser zutiefst barbarischen Un-Tradition schon
bald ein Ende setzen wird. Für immer.
© Ralph Chaloupek
Animal Spirit
Zentrum für Tiere in Not
Am Hendlberg 112
3053 Laaben
Tel: +43 (0) 2774/29 330 Email: office@animal-spirit.at
Web: www.animal-spirit.at
Spendenkonto: PSK, Kto. 75.694.953